
Alles hat damit begonnen, dass ich weibliche und männliche Seiten gemeinsam in einem Bild kombinieren wollte. Als ich das Werk, das Herz fertiggestellt hatte, hat mir kurz darauf eine sehr herzliche Psychologin bei uns im Handwerk netterweise einen größeren Druck davon abgekauft. Ein paar Wochen später hat sie mir ein Buch mitgebracht, dessen Thema Selbstmitgefühl ist und mir vorgeschlagen, mich damit etwas eingehender zu beschäftigen. Die Kombination von diesem Buch und meinem Bild, führten mich unmittelbar zu vielen sehr interessanten Gedanken.
Wie in allen sozialen Gruppen, gibt es auch bei uns in der Tagesstruktur eine gewisse Gruppendynamik. Und eigentlich sitzen wir Klienten alle im selben Boot. Aufgrund unserer Erkrankungen aber haben wir oftmals noch starke Defizite bei der Selbstwahrnehmung und im Umgang mit anderen. Da ich mich schon vor langer Zeit entschieden habe therapeutische Hilfestellungen eher dankend und wohlwollend anzunehmen, um mich dadurch persönlich weiterzuentwickeln, macht das Konzept vom Selbstmitgefühl für mich durchaus Sinn und ich finde es faszinierend.
Um die essentiellen Kernaussagen dieses Buches zu verstehen, wäre es wichtig zu wissen, wie sich der Selbstwert, das Selbstbewusstsein und das Selbstmitgefühl definieren und wie sie verbunden sind.
Selbstwert bedeutet einfach wie wertvoll ich mich selbst fühle, also im Prinzip welche Leistung ich zu vollbringen im Stande bin, wie anerkannt und erfolgreich ich bin und wie wichtig mir das ist. Das Selbstbewusstsein definiert sich meistens über diesen Selbstwert und schafft die Möglichkeit sich damit entweder anzuerkennen oder sich im Falle von Rückschlägen schlecht zu fühlen. Wenn man anerkennt, dass es im Leben immer auch Probleme geben wird, die sich einer Lösung entziehen, und man wiederkehrende negative Phasen und traurige Momente durchleben muss, um die guten Seiten zu spüren, dann gibt es die Möglichkeit sich selbst Trost und Fürsorge in Form von Mitgefühl vom eigenen Herzen zu geben. Das funktioniert dann ungefähr so, wie wenn ein guter Freund einem hilfreich zur Seite steht, einen tröstet und aufmuntert. Und diese Selbsthilfe kann man sich immer wieder ermöglichen.
Die selbe Psychologin hat einen Freund aus der Tagesstruktur einmal gefragt: Wie empfindest du den hohen Leidensdruck eines Klienten? Empfindest du Mitleid oder Mitgefühl? Da gibt es einen großen Unterschied. Wer nur im Stande ist das Leid des anderen zu sehen, der schafft es vermutlich eher schlecht sich in schwierigen Situationen abzugrenzen und hilfsbereit zu bleiben. Das ja an und für sich eine sehr wichtige Voraussetzung für ein gesundes Miteinander ist. Wenn man vom Mitgefühl durchdrungen ist, dann wird man sich vermutlich eher Fragen stellen und verstehen wollen, was diesen Menschen veranlasst so zu handeln, und warum er jetzt da ist, wo er ist. Und das kann sich dann natürlich sehr stark auf die Akzeptanz und den Respekt dieser Person gegenüber auswirken.
Wenn man ein Mensch sein will, der Selbstmitgefühl und Nächstenliebe praktiziert, dann sollte man das immer mit ganzem und klugem Herzen tun. Und man muss es vor allem immer neu üben. Die absolute Vollkommenheit wird man höchstwahrscheinlich nie erreichen. Aber eine Annäherung lohnt sich aus sehr vielen Gründen. Auch weil sie für einen selbst und unser Zusammenleben als soziale Wesen sehr erfüllend und nützlich ist.
Jan D. Sommer 2024

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